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Braucht Kontroversität Grenzen?

Journal für politische Bildung 4/2020

Bestellnummer: JpB4_20 (Print) / 41190 (PDF)
unter Mitarbeit von: Stephan Benzmann, Hubertus Buchstein, Johannes Drerup, Bernt Gebauer, Tilman Grammes, Benno Hafeneger, Lutz Heinke, Hannah Jestädt, Kerstin Pohl, Thomas Spinrath, Manon Westphal, Douglas Yacek, Patrick Zoll
Erscheinungsjahr: 2020
Seitenzahl: 80
ISBN: JpB4_20 (Print) / 978-3-7344-1190-8 (PDF)
Reihe: Journal für politische Bildung

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Braucht Kontroversität Grenzen?

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Über das Buch

Für liberale, plurale, offene demokratische Gesellschaften sind Kontroversen und Konflikte elementar. Demokratische Gesellschaften sind geprägt von vielfältigen Interessen, durch Gruppierungen, die unterschiedliche Ziele verfolgen, von Menschen, die unterschiedliche Lebensformen bevorzugen, von Personen, für die verschiedene Wertesysteme oder Glaubensüberzeugungen relevant sind, durch Akteure, die soziale, technische und ökonomische Entwicklungen unterschiedlich oder konträr bewerten, durch Initiativen, Verbände und Parteien, die divergierende Vorstellungen davon haben, was notwendige und effiziente Lösungen für aktuelle Probleme sind und davon, wie sich die Gesellschaft weiterentwickeln sollte.

Politische Jugend- und Erwachsenenbildung ist herausgefordert, sich mit den mannigfaltigen Aspekten der gesellschaftlichen Wirklichkeit, den kleinen, großen und globalen Krisen zu befassen und Hintergründe zu vermitteln, Ursachen zu analysieren, die Entwicklung begründeter Urteile und eigener Standpunkte zu ermöglichen, das Erkennen von Handlungsperspektiven zu fördern und dabei der Komplexität aktueller Problemlagen gerecht zu werden. Das handlungsleitende Prinzip der Praxis ist dabei das Kontroversitätsgebot, eines der drei im Beutelsbacher Konsens neben dem Überwältigungsverbot und der Teilnehmenden-/Subjektorientierung festgehaltenen Prinzipien, die insgesamt als Grundelemente einer Berufsethik politischer Bildner/-innen verstanden werden können.

Kann politische Bildung in einem zunehmend polarisierten politischen Klima diesem Anspruch gerecht werden?
Gibt es rote Linien, die in Kontroversen und konflikthaften Auseinandersetzungen nicht überschritten werden dürfen?
Wie breit muss das Spektrum der vertretenen Meinungen sein, um einen reflexiven, urteilsbildenden Diskurs führen zu können?

Zu beobachten ist, dass viele öffentliche Diskurse zum Spektakel werden oder sich vor allem diejenigen durchsetzen, die am lautesten schreien. Bei diesem Prozess spielen die Social Media eine große Rolle. Dort finden sich auch Meinungen zusammen, die sich ansonsten auf die Stammtischrunde in der Eckkneipe beschränken würden und sich nun im Resonanzraum Internet vernetzen. Darin zeigt sich auch eine Entleerung des demokratischen Prozesses und ein Bedeutungsverlust des argumentativen und inhaltlichen Streits um politische Positionen. Kontroversität ist jedoch deutlich mehr als das in entsprechenden Kommentaren vorherrschende Freund-Feind-Denken oder das Arrangement von Pro- und Kontra-Debatten. Kontroversität steht für Multiperspektivität, eine Haltung, die einen Konflikt oder eine gesellschaftliche Problemlage aus unterschiedlichen Perspektiven analysiert und gleichzeitig die Bedingungen der Perspektiven reflektiert. Wie können Grenzen einer demokratischen Debatte, wie die Leitplanken von Kontroversen markiert werden? Als normativer Rahmen für Debatten gelten die Grundrechte des Grundgesetzes und die Menschenrechte. Alle weiteren Überlegungen zu einem begründeten Ausschluss aus einem Diskurs bauen darauf auf. Doch Grund- und Menschenrechte bilden keine eindeutigen Schranken. Wie die Rechtsprechung zeigt, sind auch diese genauer zu interpretieren.

Auch diejenigen, die ihre eigene Position absolut setzen, schließen sich aus einem Streit um bessere Lösungen aus. Prinzipiell muss eine freiheitliche, liberale und offene Demokratie bei der Komplexität gesellschaftlicher Problemlagen in der Lage sein, sich gegen ihre Feinde zu verteidigen. Dazu gehört jedoch auch, dass überlegt werden muss, welche Akteure einbezogen werden müssen, um tragfähige Lösungen für gesellschaftliche und politische Konflikte zu erzielen. Dazu bedarf es auch einer Erweiterung von Kritik- und Konfliktkompetenz als Ziel politischer Bildung.

Inhaltsübersicht

Inhalt

 

ÜberGrenzen

4     Benno Hafeneger, Hannah Jestädt
Das Jugendbild der AfD


SchwerPunkt
Braucht Kontroversität Grenzen?


10     Kerstin Pohl, Hubertus Buchstein
Die Kontroverse als Konsens?
Kontroversität in der Demokratie und der
politischen Bildung

18     Johannes Drerup, Douglas Yacek
Wir können, müssen aber nicht
über alles kontrovers diskutieren
Über Grenzen des politischen Streits und die
Kontroverse über Kontroversitätsgebote

24     Patrick Zoll
Ein Demokratiedilemma
Die Grenzen kontroverser Wertedebatten in
einer liberalen Demokratie

28     Manon Westphal
Kritik- und Konfliktkompetenz als
Auftrag politischer Bildung

34     Stephan Benzmann, Tilman Grammes
Schütz ich mich – schütz ich Dich!
Sozio-moralische und politische Lernwege
einer „Generation Corona“

40    Bernt Gebauer
Teaching controversial issues
Aus internationalen Erfahrungen lernen?


MitDenken

46     Thomas Spinrath
Demokratie. Macht. Schule?
Kann an Schulen Demokratie gelebt werden?


ZeitZeugen

50     Über die Gegenwart der Vergangenheit
Langzeitwirkungen des Nationalsozialismus
Lutz Heinke

 

 

 

ÜberGrenzen

4     Kampfansagen und Drohungen
Welches Idealbild der deutschen Jugend hat die AfD,
und welche Träger und Aktivitäten der Jugendarbeit
werden auf- und angegriffen? Eine Analyse von Stel-
lungnahmen, Programmatik und politischen Maßnahmen
gibt Hinweise.

 

SchwerPunkt

10    Zur produktiven Funktion von Konflikten
Kontroversen gehören zu demokratischen Gesellschaften,
doch welche konkreten Positionen sind (noch) legitim
und wann ist die Grenze der Legitimität in einem de-
mokratischen Diskurs überschritten?

 

SchwerPunkt

28     Der politische Gegner ist kein Feind!
Manon Westphal plädiert dafür, der Vermittlung von Kri-
tik- und Konfliktkompetenz im Auftrag politischer Bildung
einen zentralen Platz zu geben. Das sei anschlussfähig
an die etablierten, jedoch umstrittenen Prinzipien des
Beutelsbacher Konsenses.

 

 

 

SchwerPunkt

34     Erziehen wir eine „Generation Corona“?
Der Staat wird in der Pandemie-Krise zum erzieherisch
Handelnden und gerät dadurch in die Lage eines forcierten
Paternalismus gegenüber mündigen Bürger/-innen. Die Ge-
fahr, insbesondere Jugendliche zu überwältigen, ist groß.

 

MitDenken

46     Demokratische Bildung stärken
Wie kann in der Institution Schule Demokratie gelernt
werden? Unterstützung kann die außerschulische po-
litische Bildung leisten: SV-Seminare, Ausweitung der
Mitbestimmungsrechte junger Menschen, Verankerung
in der Lehrkräfteausbildung.

 

BildungsPraxis

54 Konflikt und Kontroverse? Tolle Sache!
Wie kann bei Auseinandersetzungen eine offene und pro-
duktive Streitkultur etabliert werden? Die BildungsPraxis
gibt Einblick in zwei Projekte, bei denen kontroverser Dia-
log allen Beteiligten Chancen zur Weiterentwicklung gibt.

 

 

 

BildungsPraxis

54     Konflikt und Kontroverse
Konflikte lernen – schöner Zanken, Verein
Konflikthaus e. V. / Kontrovers vor Ort,
Sächsische Landeszentrale und Volkshoch-
schulverband

 


VorGänge

60     Die Black Empowerment Academy / Zukunft
inklusive? – Herausforderungen der politi-
schen Bildung in Evangelischen Akademien /
Mit „Wumms“ gegen Rechtsextremismus
und Antisemitismus? / Erfolgreiche Initiative
der Trägerverbände / Mehr politische Bildung
in Krisenzeiten gefordert / Schwerpunktthe-
men der politischen Bildung

 


LeseZeichen

68     Die Komplexität der Demokratie verstehen /
Ein Plädoyer für couragiertes Handeln /
Sensibilisierung für Rassismus und Diskrimi-
nierung / Politisch-pädagogische Pionierleis-
tung: Das Niedersächsische Erwachsenenbil-
dungsgesetz

 


AusBlick

76     u. a. Wählen mit 16? / Bildung in einer
digitalisierten Welt / Politische Bildung an
Berufsschulen und in der Weiterbildung
stärken / politischbilden.de / profession-
politischebildung. de / Personen & Organisationen

Zu den Autoren

Stephan Benzmann
ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Fakultät Erziehungswissenschaft/Didaktik der Sozialwissenschaften an der Universität Hamburg und Lehrer am Gymnasium Eppendorf.

Hubertus Buchstein
ist seit 1999 Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Greifswald.

Johannes Drerup
ist Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der TU Dortmund und Gastprofessor an der Freien Universität Amsterdam. Seine Forschungsschwerpunkte liegen u.a. in der Erziehungs- und Bildungstheorie und der Theorie und Praxis von Demokratieerziehung und demokratischer Bildung.

Dr. Bernt Gebauer
ist Leiter des Projekts „Gewaltprävention und Demokratielernen“ beim Hessischen Kultusministerium.

Prof. Dr. Tilman Grammes
ist Professor für Erziehungswissenschaft/Didaktik der Sozialwissenschaften an der Universität Hamburg.

Dr. Kerstin Pohl
ist seit 2012 Professorin für Didaktik der politischen Bildung am Institut für Politikwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Thomas Spinrath,
B.A. Politikwissenschaft und Soziologie, Universität Bonn; studiert derzeit im Master Transformationsstudien an der Europa-Universität Flensburg. Zu seiner Schulzeit war er Schülersprecher und arbeitet seit 2016 als Politischer Bildner mit den Schwerpunkten Coaching von Schülervertretungen sowie Nachhaltigkeit.

Dr. Manon Westphal
ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Münster. Sie forscht und lehrt in der politischen Theorie und arbeitet schwerpunktmäßig zu Demokratietheorien und aktuellen Herausforderungen für die Demokratie.

Douglas Yacek
ist wissenschaftlicher Mitarbeiter (postdoc) an der TU Dortmund. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Bildungs- und Erziehungsphilosophie sowie der Demokratiebildung.

Dr. phil. Patrick Zoll
ist Dozent für Metaphysik und Politische Philosophie an der Hochschule für Philosophie, München. Im Bereich der Politischen Philosophie liegt sein Schwerpunkt auf gegenwärtigen Theorien des Liberalismus und Perfektionismus und insbesondere der Frage, inwieweit perfektionistische Gründe eine Rolle in der öffentlichen Rechtfertigung politischer Maßnahmen spielen dürfen.

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